19.10.26
Marroni in der Schweiz: Vom Brotbaum zum Baum der Zukunft
Ende Oktober riecht die Schweiz nach Marroni. In unserem Beitrag zur Marronizeit ging es um Vermicelles, die Rosskastanie und die Marronistände in den Städten. Heute schauen wir weiter zurück: Wie kam die Edelkastanie überhaupt in die Schweiz, warum ernährte sie einst ganze Täler, und weshalb wird sie ausgerechnet jetzt wieder gepflanzt? Zum Schluss gibt es Tipps, damit Deine Marroni zuhause so gut werden wie vom Stand.
Mit den Römern über die Alpen
Die Edelkastanie (Castanea sativa) stammt ursprünglich aus dem östlichen Mittelmeerraum. Ins Tessin brachten sie die Römer, zusammen mit der Weinrebe, denn die Früchte waren nahrhaft und liessen sich gut lagern. Pollenanalysen zeigen, dass sich der Baum im Tessin in römischer und langobardischer Zeit stark ausbreitete, vor allem in Zeiten, in denen die Nahrung knapp war.
Auch nördlich der Alpen fasste die Kastanie Fuss, überall dort, wo mildes Seeklima oder der Föhn für Wärme sorgen: am Genfersee, im Unterwallis, am Walensee, im St. Galler Rheintal und am Vierwaldstättersee. Im Mittelalter waren Kastanien so begehrt, dass Klöster sie als Zehnt einforderten. In der Zentralschweiz sind sie ab dem 14. Jahrhundert belegt, und in Krisenjahren verbot die Luzerner Obrigkeit sogar, Kastanien an Auswärtige zu verkaufen. Flurnamen wie «Chestenewald» erinnern bis heute daran.
Satt werden, bevor die Kartoffel kam
Bevor Mais, Bohnen und Kartoffeln in die Alpentäler kamen, war die Kastanie in der italienischen Schweiz neben Gerste, Roggen, Hafer und Hirse eine der wichtigsten Nahrungsquellen. Wo an steilen Hängen kaum Getreide wuchs, wurde sie zum «Brotbaum» ganzer Täler. Für manche Alpentäler schätzt man den Verbrauch auf bis zu 200 Kilogramm pro Person und Jahr.
Damit die Ernte bis zum nächsten Herbst reichte, wurden die Kastanien in kleinen Dörrhäusern über dem Feuer getrocknet, danach geschält und zu Mehl gemahlen. Daraus entstanden Brot, Fladen und Kastanienpolenta. Genutzt wurde der ganze Baum: Das Laub diente als Einstreu und als Füllung für Bettsäcke, das Holz für Rebstecken und Dachsparren.
Im 19. Jahrhundert begann der Abstieg. Die Kartoffel verbreitete sich, und mit der Eisenbahn wurden importiertes Getreide und Reis plötzlich billig. In der Zentralschweiz kam etwas Weiteres dazu: 1866 wurde in Cham die Anglo-Swiss Condensed Milk Company gegründet, die 1905 mit Nestlé fusionierte. Milch war gefragt, also rodete man Kastanienhaine und machte Weideland daraus. Wo einst Kastanien standen, grasten nun Kühe. Im 20. Jahrhundert setzten eingeschleppte Krankheiten wie der Kastanienrindenkrebs den verbliebenen Beständen zusätzlich zu.
Warum die Kastanie jetzt zurückkommt
Was die Kastanie einst auf die warmen Lagen beschränkte, wird heute zu ihrem Vorteil: Sie liebt Wärme. Mit den heisseren Sommern gilt sie auf der Alpennordseite als mögliche Gewinnerin des Klimawandels, und Modellrechnungen sehen sie sich künftig im Mittelland ausbreiten. Edelkastanien vertragen Hitze besser als viele andere Baumarten, wachsen schnell, spenden bald Schatten und können bis zu 500 Jahre alt werden.
Die Stadt Zürich setzt deshalb gezielt auf Marroni: 2022 zählte man auf öffentlichem Grund 64 Edelkastanien, heute sind es gut 200, darunter der erste Zürcher Kastanienhain am Hönggerberg. In Wädenswil testet die ZHAW, in welchen Böden die jungen Bäume am besten gedeihen, denn kalkhaltige Böden, wie sie im Mittelland häufig sind, mag die Kastanie eigentlich nicht.
Ein Wundermittel ist sie trotzdem nicht. Lange Trockenperioden im Sommer setzen auch der Kastanie zu, und die Tintenkrankheit, die ihre Wurzeln befällt, profitiert von trockenen Jahren. Aus dem Tessin werden bereits grossflächig absterbende Bestände gemeldet. Darum werden alte Haine heute wieder gepflegt: In der Zentralschweiz kümmert sich seit dem Jahr 2000 die IG Pro Kastanie Zentralschweiz um die letzten Haine rund um die Rigi und hat schon zahlreiche davon restauriert oder neu angelegt.
Ausflugstipp: Am Sonntag, 25. Oktober 2026, findet laut Veranstaltungskalender in Greppen am Vierwaldstättersee die Chestene-Chilbi statt, der grösste Markt mit Kastanienprodukten der Deutschschweiz mit über 60 Markt- und Essensständen. Wer mag, wandert vorher ein Stück auf dem Rigi-Chestene-Weg durch die Kastanienhaine von Weggis und Greppen.
So gelingen Marroni zuhause
Gute Marroni beginnen beim Einkauf: Die Früchte sollten prall, glänzend und schwer in der Hand liegen. Matte, leichte oder runzlige Schalen deuten darauf hin, dass sie schon ausgetrocknet sind.
1. Einschneiden
Ohne Schnitt platzt die Schale unkontrolliert auf. Ritze jede Marroni auf der gewölbten Seite kreuzweise oder mit einem langen Schnitt ein, ohne tief ins Fruchtfleisch zu gehen. Mit dem Küchenmesser rutscht man auf der glatten Schale leicht ab. Schneller geht es mit dem Maroni Schneider Kastanietta: Marroni einlegen, einmal zudrücken, und der Kreuzschnitt sitzt. Danach öffnet sich die Zange von selbst. Die Marronischneider Zange mit Sägeblatt hält die Kastanie in einer geriffelten Mulde fest, während das gezackte Stahlblatt die Schale einritzt. Wer lieber mit dem Messer arbeitet, greift zum Kastanienmesser Maronischneider Class mit rutschfestem Griff.
2. Einweichen
Lege die eingeschnittenen Marroni vor dem Rösten 30 bis 60 Minuten in kaltes Wasser. So bleiben sie beim Rösten saftiger und lassen sich später leichter schälen.
3. Rösten in der Pfanne
Am aromatischsten werden Marroni in einer Pfanne mit gelochtem Boden, denn durch die Löcher kommt die Hitze direkt an die Schale. Unsere Maronipfanne 26 cm passt auf Gas-, Elektro- und Glaskeramikherd. Für Induktion eignet sich die Marronipfanne aus Blaublech: Ihr Boden ist geschlossen, die Lüftungslöcher sitzen rundum in der Pfannenwand, und sie lässt sich sogar auf der Glut verwenden. Schwenke die Marroni bei mittlerer bis hoher Hitze alle paar Minuten, bis die Schalen dunkel werden und aufspringen. Je nach Grösse dauert das etwa 15 bis 25 Minuten.
4. Oder im Backofen
Ohne Pfanne geht es im Ofen: Marroni auf einem Blech verteilen, eine ofenfeste Schale mit Wasser dazustellen und bei rund 200 Grad 20 bis 25 Minuten rösten. Der Dampf verhindert, dass die Früchte austrocknen.
5. Ruhen lassen und warm schälen
Wickle die heissen Marroni für ein paar Minuten in ein feuchtes Küchentuch. Der Dampf löst die Schale und die bittere Innenhaut. Dann schälen, solange sie noch warm sind, denn kalt klebt die Innenhaut wieder fest.
Für Suppe, Püree und Vermicelles: kochen statt rösten
Für Kastanienpüree oder Vermicelles kochst Du die eingeschnittenen Marroni 20 bis 30 Minuten in Wasser und schälst sie warm. Rohe Marroni halten sich in einer Papiertüte im Kühlschrank etwa eine Woche. Gekocht und geschält kannst Du sie einfrieren, dann sind sie im Winter schnell für Suppe oder Rotkraut zur Hand.
Ob am Feuer, in der Pfanne oder als Berg aus Vermicelles: Eine Frucht, die schon die Römer über die Alpen trugen und die ganze Täler durch den Winter brachte, hat ein bisschen Aufmerksamkeit verdient. Wie isst Du Deine Marroni am liebsten?
Alles für Deine Marroni
Vom Einschneiden bis zum Rösten: unsere Helfer für die Marronizeit.