
Das Labyrinth
Baue aus schmalen Plastik- oder Kartonstreifen ein einfaches Labyrinth in die Schale. Setze den Blob an den einen Eingang, eine Haferflocke an den Ausgang. Er füllt erst alle Gänge und zieht sich dann aus den Sackgassen zurück.
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Kein Gehirn, kein Mund, keine Augen — und trotzdem findet er den kürzesten Weg durch ein Labyrinth. Der Blob ist eine einzige Zelle, die grösser wird als deine Hand. 2019 stellte ihn der Zoo von Paris aus wie ein Tier, und seither taucht er in Schulzimmern und auf Küchentischen auf.
Auf dieser Seite steht, was der Blob wirklich ist, wie du ihn zu Hause hältst, welche Experimente funktionieren — und was du tust, wenn etwas schiefläuft.
13 Sekunden Zeitraffer, echte Aufnahme. Ein Sklerotium erwacht auf dem Nährboden und breitet sein Adernetz aus — in Wirklichkeit dauert das rund zwei Tage. Aufnahme: Mister Blob.
Was er ist
Der Blob heisst auf Deutsch «Gelbe Lohblüte» und wird als Schleimpilz geführt — aber ein Pilz ist er nicht. Er gehört zu den Schleimpilzen, einer eigenen Gruppe im Stammbaum des Lebens, die sich früh von Tieren, Pflanzen und Pilzen abgespalten hat. Deshalb passt er in keine der Schubladen, die wir in der Schule gelernt haben.
Am erstaunlichsten ist sein Bauplan: Was du in der Petrischale siehst, ist eine einzige Zelle. Sie hat nur keine feste Grenze und keinen einzelnen Kern, sondern Millionen davon, die frei im gemeinsamen Zellsaft schwimmen. Der lateinische Name sagt es — polycephalum heisst «vielköpfig».
Diese Zelle bewegt sich, indem sie ihren Inhalt umpumpt. Im gelben Adernetz strömt der Zellsaft im Sekundentakt hin und her, ein bisschen wie ein Herzschlag ohne Herz. Wo Nahrung liegt, werden die Adern dicker; wo nichts zu holen ist, werden sie abgebaut. Genau dieses Verdicken und Abbauen ist der ganze Trick, mit dem er Wege findet.
Und er kennt zwei Zustände. Feucht und satt ist er ein Plasmodium: das leuchtend gelbe Netz, das wächst und wandert. Wird es trocken, zieht er sich zu einem Sklerotium zusammen — einer harten, bräunlichen Kruste. In dieser Form übersteht er Jahre. Ein Tropfen Wasser und ein paar Haferflocken, und er macht weiter, wo er aufgehört hat.



Forschung
Der Blob wäre eine Randnotiz der Biologie geblieben, hätte er nicht angefangen, Aufgaben zu lösen, die man einem Lebewesen ohne Nervensystem nicht zutraut. Vier Ergebnisse haben ihn berühmt gemacht.
Toshiyuki Nakagaki setzt an der Universität Hokkaido einen Blob in ein Labyrinth und legt an zwei Ausgängen Futter aus. Der Blob füllt zuerst alle Gänge, zieht sich dann aus den Sackgassen zurück und lässt am Ende nur noch eine Ader stehen: die kürzeste Verbindung zwischen den beiden Futterstellen. Veröffentlicht in Nature.
Für dieselbe Entdeckung erhält das Team den Ig-Nobelpreis für Kognitionswissenschaft — den Preis für Forschung, die «erst zum Lachen bringt und dann zum Nachdenken».
Atsushi Tero legt Haferflocken so auf eine Platte, wie die Städte rund um Tokio auf der Landkarte liegen, und setzt einen Blob auf die Stelle von Tokio. Das Adernetz, das entsteht, ähnelt dem real gebauten Schienennetz verblüffend — bei vergleichbarer Gesamtlänge, Effizienz und Ausfallsicherheit. Veröffentlicht in Science; es folgt ein zweiter Ig-Nobelpreis.
Die Gruppe um Audrey Dussutour in Toulouse legt dem Blob Bitterstoffe wie Koffein und Chinin in den Weg. Anfangs meidet er sie, nach einigen Tagen läuft er einfach hindurch: Gewöhnung, eine anerkannte Form des Lernens. Und mehr noch — verschmilzt ein gewöhnter Blob mit einem unerfahrenen, übernimmt auch der die Erfahrung.
Der Zoo von Paris stellt ihn im Oktober 2019 in einem eigenen Terrarium aus und gibt ihm den Namen, unter dem ihn heute alle kennen: le blob — nach dem Science-Fiction-Film von 1958.
Haltung
Ein Blob braucht weniger Pflege als ein Zimmerfarn. Er hat vier Stellschrauben — stimmen die, läuft der Rest von allein.
Normale Zimmertemperatur. Unter 15 °C wird er träge, über 30 °C legt er sich schlafen.
Er meidet direkte Sonne. Ein Schrank oder eine Schublade ist ihm am liebsten.
Agar-Agar hält das Wasser gleichmässig — stabiler als feuchtes Papier und trocknet langsamer aus.
Ein paar Haferflocken. Erst nachlegen, wenn die alten aufgebraucht sind.
Agar-Agar nach Anleitung in heissem Wasser auflösen, in die Petrischale giessen, gut auskühlen lassen. Der Boden soll fest sein wie ein Wackelpudding — nicht flüssig, nicht trocken.
Das Sklerotium mit der Pinzette mittig auf den Nährboden legen, mit ein paar Tropfen Wasser befeuchten und zwei, drei Haferflocken daneben platzieren — nicht direkt darauf, sondern mit etwas Abstand. Deckel drauf, dunkel stellen.
Nach zwei bis zwölf Stunden zeigt sich der erste gelbe Rand. Von da an geht es schnell: Über Nacht ist die halbe Schale von einem Adernetz überzogen. Kondenswasser am Deckel ist normal — kurz lüften genügt.
Aufgefressene Haferflocken ersetzen, Reste entfernen. Zu viel Futter ist der häufigste Fehler: Was liegen bleibt, schimmelt. Pinzette vor jedem Eingriff kurz abspülen und trocknen.
Willst du eine Pause, hörst du einfach auf zu giessen. Der Blob trocknet langsam ein und zieht sich zum Sklerotium zusammen. So bewahrst du ihn trocken und kühl auf — und weckst ihn Wochen oder Monate später wieder auf.
Der Blob ist das einzige Haustier, das du vor dem Urlaub in die Schublade legen kannst. Trocknen lassen, mitnehmen oder liegen lassen, nach der Rückkehr befeuchten — er macht weiter, wo er aufgehört hat.
Experimente
Zuschauen ist schön, aber der Blob wird erst richtig interessant, wenn du ihm Aufgaben stellst. Diese sechs brauchen nichts ausser dem Zuchtset, Haferflocken und etwas Geduld.

Baue aus schmalen Plastik- oder Kartonstreifen ein einfaches Labyrinth in die Schale. Setze den Blob an den einen Eingang, eine Haferflocke an den Ausgang. Er füllt erst alle Gänge und zieht sich dann aus den Sackgassen zurück.

Lege drei verschiedene Sachen im gleichen Abstand rund um den Blob — Haferflocke, ein Stück Gurke, ein Stück Tomate. Wohin wächst er zuerst, was lässt er stehen? Ergebnis auf einem Zettel festhalten und mit anderen vergleichen.

Decke eine Hälfte der Schale mit Karton ab und stelle sie an einen hellen Ort — nicht in die pralle Sonne. Der Blob wandert in den dunklen Teil. Kein Auge, keine Nerven, und trotzdem eine klare Entscheidung.

Teile den Blob mit der sauberen Pinzette in zwei Stücke und setze sie mit einigen Zentimetern Abstand zurück. Beide wachsen weiter — und wenn sie sich treffen, verschmelzen sie wieder zu einem einzigen Lebewesen.

Lege Haferflocken so auf den Nährboden, wie Zürich, Basel, Bern, Genf und Lugano auf der Landkarte liegen, und setze den Blob auf Zürich. Vergleiche sein Netz danach mit dem SBB-Streckennetz. Genau dieser Versuch mit Tokio brachte 2010 einen Ig-Nobelpreis.

Handy auf ein Stativ oder einen Bücherstapel, Intervallaufnahme alle zwei Minuten, Licht konstant halten. Nach einer Nacht hast du deinen eigenen Film — und siehst Bewegungen, die im Direktbeobachten unsichtbar bleiben.
Fehlersuche
Fast alles, was schiefgehen kann, lässt sich reparieren. Die häufigsten Fälle:
Der Blob ist für Menschen und Haustiere ungefährlich. Agar-Agar und Haferflocken gehören trotzdem zum Experiment und nicht auf den Teller. Jüngere Kinder experimentieren am besten unter Aufsicht — und nach dem Hantieren Hände waschen, wie im Labor.
Häufige Fragen
Unbegrenzt. Der Blob wird schlafend als Sklerotium geliefert. Solange er trocken bleibt, wartet er, bis du Lust hast. Es gibt kein Ablaufdatum — ein Set kann problemlos ein Jahr im Schrank liegen.
Nein. Physarum polycephalum ist für Menschen und Haustiere ungefährlich und nicht ansteckend. Er lebt von Haferflocken und Mikroorganismen, nicht von uns. Verzehren sollte man weder ihn noch den Nährboden.
Ab dem Grundschulalter, mit Begleitung auch früher. Das Aufwecken ist einfach genug für Kinder, und die Beobachtung fesselt Erwachsene genauso. In Schulen wird der Blob ab der Mittelstufe bis in die Sekundarstufe II eingesetzt.
Das bestimmst du. Erwachen und Wachstum siehst du in den ersten Tagen. Mit guter Pflege lebt der Blob Monate. Willst du pausieren, legst du ihn schlafen und weckst ihn später wieder — beliebig oft.
Die gedruckte Anleitung im Set ist auf Französisch und Englisch. Über den QR-Code im Heftchen kommst du auf weitere Sprachversionen, unter anderem Deutsch und Italienisch. Das Set wird in Frankreich hergestellt.
Nein. Vor der Abreise nicht mehr befeuchten, dann trocknet er von selbst zum Sklerotium ein. Nach der Rückkehr auf frischen Nährboden setzen, befeuchten, füttern — fertig.
Er kann über den Rand kriechen, wenn ihm das Futter ausgeht oder es zu hell ist. Ausserhalb des feuchten Nährbodens trocknet er allerdings rasch ein und verkrustet — gefährlich wird er dabei nicht.
Ja. Schneide ein Stück ab und setze es auf einen eigenen Nährboden — beide Teile leben weiter. Getrocknete Sklerotien lassen sich in einem Briefumschlag verschicken.
Der Blob ist ein dankbares Unterrichtsobjekt: lebendig, ungefährlich, jederzeit pausierbar und in jeder Schublade lagerbar. Für Klassensätze, Rechnungskauf und persönliche Offerten haben wir eine eigene Seite.
Selber züchten
Das Set kommt von Mister Blob aus Montenach in Lothringen und wird in Frankreich hergestellt. Es enthält alles, was du für den Start brauchst — der Blob reist schlafend als Sklerotium mit und wartet, bis du ihn weckst.
Mister Blob · Made in France
Der Stamm «Malu» ist robust und wächst zügig — gut geeignet für den ersten eigenen Blob.
CHF 29.95
Zum ProduktAn Lager in Kriens — bis 17 Uhr bestellt, gleichentags versandbereit.
Wer einmal beim Beobachten hängen bleibt, findet bei uns weitere Sets, die dasselbe Prinzip verfolgen: hinstellen, warten, staunen.
Mister Blob wurde von der Biologin Morgane gegründet, aus Faszination für das Lebendige und seine Kuriositäten. Die Sets machen die Beobachtung des Physarum polycephalum zu Hause für alle möglich — für Kinder wie für Erwachsene.