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Der BlobPhysarum polycephalum

Kein Gehirn, kein Mund, keine Augen — und trotzdem findet er den kürzesten Weg durch ein Labyrinth. Der Blob ist eine einzige Zelle, die grösser wird als deine Hand. 2019 stellte ihn der Zoo von Paris aus wie ein Tier, und seither taucht er in Schulzimmern und auf Küchentischen auf.

Auf dieser Seite steht, was der Blob wirklich ist, wie du ihn zu Hause hältst, welche Experimente funktionieren — und was du tust, wenn etwas schiefläuft.

13 Sekunden Zeitraffer, echte Aufnahme. Ein Sklerotium erwacht auf dem Nährboden und breitet sein Adernetz aus — in Wirklichkeit dauert das rund zwei Tage. Aufnahme: Mister Blob.

Was er ist
Eine einzige Zellemit Millionen Zellkernen — weder Tier noch Pflanze noch Pilz
Tempo
bis 4 cm/Stundeschneller als jede Pflanze wächst
Geschlechter
rund 720drei Gen-Gruppen mit je bis zu 16 Varianten
Gehirn
keineskein Nervensystem, keine Organe
Nahrung
Haferflockenin der Natur Bakterien, Hefen und Pilzsporen
Temperatur
18 – 25 °Cim Halbschatten, nie in der prallen Sonne
Ruhezustand
Sklerotiumtrocken praktisch unbegrenzt haltbar
Verletzung
heilt selbstdurchgeschnitten wächst er in Minuten wieder zusammen

Was er ist

Weder Tier noch Pflanze noch Pilz

Der Blob heisst auf Deutsch «Gelbe Lohblüte» und wird als Schleimpilz geführt — aber ein Pilz ist er nicht. Er gehört zu den Schleimpilzen, einer eigenen Gruppe im Stammbaum des Lebens, die sich früh von Tieren, Pflanzen und Pilzen abgespalten hat. Deshalb passt er in keine der Schubladen, die wir in der Schule gelernt haben.

Am erstaunlichsten ist sein Bauplan: Was du in der Petrischale siehst, ist eine einzige Zelle. Sie hat nur keine feste Grenze und keinen einzelnen Kern, sondern Millionen davon, die frei im gemeinsamen Zellsaft schwimmen. Der lateinische Name sagt es — polycephalum heisst «vielköpfig».

Diese Zelle bewegt sich, indem sie ihren Inhalt umpumpt. Im gelben Adernetz strömt der Zellsaft im Sekundentakt hin und her, ein bisschen wie ein Herzschlag ohne Herz. Wo Nahrung liegt, werden die Adern dicker; wo nichts zu holen ist, werden sie abgebaut. Genau dieses Verdicken und Abbauen ist der ganze Trick, mit dem er Wege findet.

Und er kennt zwei Zustände. Feucht und satt ist er ein Plasmodium: das leuchtend gelbe Netz, das wächst und wandert. Wird es trocken, zieht er sich zu einem Sklerotium zusammen — einer harten, bräunlichen Kruste. In dieser Form übersteht er Jahre. Ein Tropfen Wasser und ein paar Haferflocken, und er macht weiter, wo er aufgehört hat.

Blob auf Nährboden in einer Petrischale, erste gelbe Adern
Tag 1: Aus dem Sklerotium schiebt sich das erste Adernetz über den Nährboden.
Feines gelbes Adernetz des Blobs in der Petrischale
Tag 3: Das Netz ist fertig optimiert — dicke Hauptadern, feine Ausläufer.
Nahaufnahme der gelben Knoten und Adern des Blobs
Nahaufnahme: In den Adern strömt der Zellsaft im Sekundentakt hin und her.

Forschung

Der Einzeller, der Bahnnetze plant

Der Blob wäre eine Randnotiz der Biologie geblieben, hätte er nicht angefangen, Aufgaben zu lösen, die man einem Lebewesen ohne Nervensystem nicht zutraut. Vier Ergebnisse haben ihn berühmt gemacht.

  1. 2000

    Er löst ein Labyrinth

    Toshiyuki Nakagaki setzt an der Universität Hokkaido einen Blob in ein Labyrinth und legt an zwei Ausgängen Futter aus. Der Blob füllt zuerst alle Gänge, zieht sich dann aus den Sackgassen zurück und lässt am Ende nur noch eine Ader stehen: die kürzeste Verbindung zwischen den beiden Futterstellen. Veröffentlicht in Nature.

  2. 2008

    Ig-Nobelpreis

    Für dieselbe Entdeckung erhält das Team den Ig-Nobelpreis für Kognitionswissenschaft — den Preis für Forschung, die «erst zum Lachen bringt und dann zum Nachdenken».

  3. 2010

    Er baut das Tokioter Bahnnetz nach

    Atsushi Tero legt Haferflocken so auf eine Platte, wie die Städte rund um Tokio auf der Landkarte liegen, und setzt einen Blob auf die Stelle von Tokio. Das Adernetz, das entsteht, ähnelt dem real gebauten Schienennetz verblüffend — bei vergleichbarer Gesamtlänge, Effizienz und Ausfallsicherheit. Veröffentlicht in Science; es folgt ein zweiter Ig-Nobelpreis.

  4. 2016

    Er lernt — und gibt das Gelernte weiter

    Die Gruppe um Audrey Dussutour in Toulouse legt dem Blob Bitterstoffe wie Koffein und Chinin in den Weg. Anfangs meidet er sie, nach einigen Tagen läuft er einfach hindurch: Gewöhnung, eine anerkannte Form des Lernens. Und mehr noch — verschmilzt ein gewöhnter Blob mit einem unerfahrenen, übernimmt auch der die Erfahrung.

  5. 2019

    Er kommt in den Zoo

    Der Zoo von Paris stellt ihn im Oktober 2019 in einem eigenen Terrarium aus und gibt ihm den Namen, unter dem ihn heute alle kennen: le blob — nach dem Science-Fiction-Film von 1958.

Haltung

So hältst du einen Blob

Ein Blob braucht weniger Pflege als ein Zimmerfarn. Er hat vier Stellschrauben — stimmen die, läuft der Rest von allein.

18–25 °C

Temperatur

Normale Zimmertemperatur. Unter 15 °C wird er träge, über 30 °C legt er sich schlafen.

Halbschatten

Licht

Er meidet direkte Sonne. Ein Schrank oder eine Schublade ist ihm am liebsten.

feucht

Nährboden

Agar-Agar hält das Wasser gleichmässig — stabiler als feuchtes Papier und trocknet langsamer aus.

sparsam

Futter

Ein paar Haferflocken. Erst nachlegen, wenn die alten aufgebraucht sind.

  1. Nährboden ansetzen

    Agar-Agar nach Anleitung in heissem Wasser auflösen, in die Petrischale giessen, gut auskühlen lassen. Der Boden soll fest sein wie ein Wackelpudding — nicht flüssig, nicht trocken.

  2. Blob wecken

    Das Sklerotium mit der Pinzette mittig auf den Nährboden legen, mit ein paar Tropfen Wasser befeuchten und zwei, drei Haferflocken daneben platzieren — nicht direkt darauf, sondern mit etwas Abstand. Deckel drauf, dunkel stellen.

  3. Die ersten Stunden

    Nach zwei bis zwölf Stunden zeigt sich der erste gelbe Rand. Von da an geht es schnell: Über Nacht ist die halbe Schale von einem Adernetz überzogen. Kondenswasser am Deckel ist normal — kurz lüften genügt.

  4. Füttern und sauber halten

    Aufgefressene Haferflocken ersetzen, Reste entfernen. Zu viel Futter ist der häufigste Fehler: Was liegen bleibt, schimmelt. Pinzette vor jedem Eingriff kurz abspülen und trocknen.

  5. Schlafen legen

    Willst du eine Pause, hörst du einfach auf zu giessen. Der Blob trocknet langsam ein und zieht sich zum Sklerotium zusammen. So bewahrst du ihn trocken und kühl auf — und weckst ihn Wochen oder Monate später wieder auf.

Ferien? Kein Problem.

Der Blob ist das einzige Haustier, das du vor dem Urlaub in die Schublade legen kannst. Trocknen lassen, mitnehmen oder liegen lassen, nach der Rückkehr befeuchten — er macht weiter, wo er aufgehört hat.

Experimente

Sechs Versuche, die zu Hause funktionieren

Zuschauen ist schön, aber der Blob wird erst richtig interessant, wenn du ihm Aufgaben stellst. Diese sechs brauchen nichts ausser dem Zuchtset, Haferflocken und etwas Geduld.

Blob in einem selbst gebauten Labyrinth in der Petrischale

Das Labyrinth

Baue aus schmalen Plastik- oder Kartonstreifen ein einfaches Labyrinth in die Schale. Setze den Blob an den einen Eingang, eine Haferflocke an den Ausgang. Er füllt erst alle Gänge und zieht sich dann aus den Sackgassen zurück.

1–3 TageStreifen, Haferflocken
Blob wächst auf ein Stück Tomate zu

Der Geschmackstest

Lege drei verschiedene Sachen im gleichen Abstand rund um den Blob — Haferflocke, ein Stück Gurke, ein Stück Tomate. Wohin wächst er zuerst, was lässt er stehen? Ergebnis auf einem Zettel festhalten und mit anderen vergleichen.

12–24 Std.Gemüsereste
Gelber Blob auf hellem Nährboden

Die Lichtprobe

Decke eine Hälfte der Schale mit Karton ab und stelle sie an einen hellen Ort — nicht in die pralle Sonne. Der Blob wandert in den dunklen Teil. Kein Auge, keine Nerven, und trotzdem eine klare Entscheidung.

6–12 Std.Stück Karton
Zwei zusammenwachsende Blob-Netze

Die Verschmelzung

Teile den Blob mit der sauberen Pinzette in zwei Stücke und setze sie mit einigen Zentimetern Abstand zurück. Beide wachsen weiter — und wenn sie sich treffen, verschmelzen sie wieder zu einem einzigen Lebewesen.

1–2 Tagenur Pinzette
Weit verzweigtes Adernetz des Blobs

Die Schweizer Karte

Lege Haferflocken so auf den Nährboden, wie Zürich, Basel, Bern, Genf und Lugano auf der Landkarte liegen, und setze den Blob auf Zürich. Vergleiche sein Netz danach mit dem SBB-Streckennetz. Genau dieser Versuch mit Tokio brachte 2010 einen Ig-Nobelpreis.

2–4 TageLandkarte
Zeitrafferaufnahme des wachsenden Blobs

Der eigene Zeitraffer

Handy auf ein Stativ oder einen Bücherstapel, Intervallaufnahme alle zwei Minuten, Licht konstant halten. Nach einer Nacht hast du deinen eigenen Film — und siehst Bewegungen, die im Direktbeobachten unsichtbar bleiben.

über NachtHandy, Stativ

Fehlersuche

Wenn etwas schiefgeht

Fast alles, was schiefgehen kann, lässt sich reparieren. Die häufigsten Fälle:

Weisse oder grüne Flecken auf dem Nährboden
Schimmel. Schneide das befallene Stück grosszügig weg oder setze den Blob mit sauberer Pinzette auf einen frischen Nährboden um. Ursache: zu viel Futter oder unsaubere Werkzeuge. Weniger füttern, Reste konsequent entfernen.
Der Blob wacht nicht auf
Gib ihm mehr Zeit — bis zu 48 Stunden sind normal. Prüfe Temperatur und Feuchtigkeit und lege eine frische Haferflocke daneben. Ursache: zu kalt, zu trocken oder der Nährboden ist bereits eingetrocknet.
Stellen werden durchsichtig oder blass
Das ist kein Fehler, sondern eine Spur. Der Blob hinterlässt dort, wo er schon war, eine dünne Schleimschicht — so «merkt» er sich erkundetes Gelände und läuft nicht zweimal hin. Kein Handlungsbedarf.
Er wandert an den Rand oder aus der Schale
Futter nachlegen und die Schale dunkler stellen. Deckel wieder auflegen. Ursache: nichts mehr zu fressen, zu hell oder zu warm.
Er wird braun, hart und schrumpft
Nicht wegwerfen. Das ist das Sklerotium, sein normaler Ruhezustand. Trocken aufbewahren und später wieder aufwecken. Ursache: der Nährboden ist ausgetrocknet.
Kondenswasser im Deckel
Deckel kurz abnehmen, abwischen, wieder auflegen. Völlig normal und für den Blob unproblematisch.

Sicherheit

Der Blob ist für Menschen und Haustiere ungefährlich. Agar-Agar und Haferflocken gehören trotzdem zum Experiment und nicht auf den Teller. Jüngere Kinder experimentieren am besten unter Aufsicht — und nach dem Hantieren Hände waschen, wie im Labor.

Häufige Fragen

Was am häufigsten gefragt wird

Wie lange hält sich ein Zuchtset, bevor ich es öffne?

Unbegrenzt. Der Blob wird schlafend als Sklerotium geliefert. Solange er trocken bleibt, wartet er, bis du Lust hast. Es gibt kein Ablaufdatum — ein Set kann problemlos ein Jahr im Schrank liegen.

Ist der Blob gefährlich?

Nein. Physarum polycephalum ist für Menschen und Haustiere ungefährlich und nicht ansteckend. Er lebt von Haferflocken und Mikroorganismen, nicht von uns. Verzehren sollte man weder ihn noch den Nährboden.

Ab welchem Alter ist das etwas?

Ab dem Grundschulalter, mit Begleitung auch früher. Das Aufwecken ist einfach genug für Kinder, und die Beobachtung fesselt Erwachsene genauso. In Schulen wird der Blob ab der Mittelstufe bis in die Sekundarstufe II eingesetzt.

Wie lange dauert das Experiment?

Das bestimmst du. Erwachen und Wachstum siehst du in den ersten Tagen. Mit guter Pflege lebt der Blob Monate. Willst du pausieren, legst du ihn schlafen und weckst ihn später wieder — beliebig oft.

In welcher Sprache ist die Anleitung?

Die gedruckte Anleitung im Set ist auf Französisch und Englisch. Über den QR-Code im Heftchen kommst du auf weitere Sprachversionen, unter anderem Deutsch und Italienisch. Das Set wird in Frankreich hergestellt.

Braucht der Blob Ferienbetreuung?

Nein. Vor der Abreise nicht mehr befeuchten, dann trocknet er von selbst zum Sklerotium ein. Nach der Rückkehr auf frischen Nährboden setzen, befeuchten, füttern — fertig.

Kann er aus der Schale ausbrechen?

Er kann über den Rand kriechen, wenn ihm das Futter ausgeht oder es zu hell ist. Ausserhalb des feuchten Nährbodens trocknet er allerdings rasch ein und verkrustet — gefährlich wird er dabei nicht.

Kann ich ihn vermehren oder verschenken?

Ja. Schneide ein Stück ab und setze es auf einen eigenen Nährboden — beide Teile leben weiter. Getrocknete Sklerotien lassen sich in einem Briefumschlag verschicken.

Für Schulen und Klassenzimmer

Der Blob ist ein dankbares Unterrichtsobjekt: lebendig, ungefährlich, jederzeit pausierbar und in jeder Schublade lagerbar. Für Klassensätze, Rechnungskauf und persönliche Offerten haben wir eine eigene Seite.

Zur Schulseite

Selber züchten

Das Blob-Zuchtset

Das Set kommt von Mister Blob aus Montenach in Lothringen und wird in Frankreich hergestellt. Es enthält alles, was du für den Start brauchst — der Blob reist schlafend als Sklerotium mit und wartet, bis du ihn weckst.

Blob Zuchtset Malu, geöffnet: zwei Petrischalen, Haferflocken, Agar-Agar, Pipette und Pinzette Verpackung des Blob Zuchtsets — Coffret d'élevage von Mister Blob

Mister Blob · Made in France

Blob Zuchtset Malu

Der Stamm «Malu» ist robust und wächst zügig — gut geeignet für den ersten eigenen Blob.

  • 2 Sklerotien — der Blob im Schlafzustand
  • Agar-Agar für den Nährboden und Haferflocken als Futter
  • Petrischalen, Pipette und Pinzette
  • Bebilderte Anleitung, gedruckt FR/EN, per QR-Code auch DE und IT

CHF 29.95

Zum Produkt

An Lager in Kriens — bis 17 Uhr bestellt, gleichentags versandbereit.

Noch mehr Naturwunder zum Züchten

Wer einmal beim Beobachten hängen bleibt, findet bei uns weitere Sets, die dasselbe Prinzip verfolgen: hinstellen, warten, staunen.

Quellen und zum Weiterlesen

  1. Nakagaki, Yamada & Tóth: Maze-solving by an amoeboid organism. Nature 407, 2000.
  2. Tero et al.: Rules for Biologically Inspired Adaptive Network Design. Science 327, 2010.
  3. Boisseau, Vogel & Dussutour: Habituation in non-neural organisms: evidence from slime moulds. Proceedings of the Royal Society B 283, 2016.
  4. Vogel & Dussutour: Direct transfer of learned behaviour via cell fusion in non-neural organisms. Proceedings of the Royal Society B 283, 2016.
  5. Parc Zoologique de Paris: Ausstellung «le blob», ab Oktober 2019.
  6. Zuchthinweise und Bildmaterial: misterblob.com, Montenach (F).
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Mister Blob wurde von der Biologin Morgane gegründet, aus Faszination für das Lebendige und seine Kuriositäten. Die Sets machen die Beobachtung des Physarum polycephalum zu Hause für alle möglich — für Kinder wie für Erwachsene.