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24.08.26

Alpabzug: Holzbrett mit Alpkäse, Wildblumen und Treichel im warmen Herbstlicht

Alpabzug 2026: Wenn die Kühe drei Wochen zu früh heimkommen

Ende August, irgendwo im Emmental: Normalerweise hört man sie, bevor man sie sieht - ein fernes Bimmeln, das sich langsam den Berghang herunterschiebt. Dieses Jahr blieb es in etlichen Tälern still. Die Kühe waren längst unten. Nicht, weil das Gras oben ausgegangen wäre, wie es der Kalender vorsieht - sondern weil es diesen Sommer schlicht nicht mehr nachgewachsen ist.

Der Alpabzug 2026 ist deshalb ein anderer als sonst: früher, leiser, mancherorts gar nicht. Höchste Zeit, beides anzuschauen - den Brauch, der ihn so besonders macht, und die Zahlen, die hinter diesem Sommer stehen.

Was der Alpabzug ist - und wie gross er wirtschaftlich ist

Jeden Juni ziehen Kühe, Ziegen und Schafe zur Alpauffahrt auf die Hochweiden. Rund drei Monate bleiben sie oben, während unten im Tal das Gras für den Winter nachwächst. Werden die Nächte kühler und das Futter knapper, beginnt zwischen Ende August und Ende September der Alpabzug: der geordnete Rückweg ins Tal, oft begleitet von der ganzen Dorfgemeinschaft.

Das ist kein folkloristischer Nebenschauplatz. Das Schweizer Sömmerungsgebiet umfasst rund 6'700 bewirtschaftete Alpen auf gut einer halben Million Hektaren - etwa ein Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche des Landes. Gegen 560'000 Kühe und Rinder sowie mehrere Hunderttausend Schafe und Ziegen verbringen dort den Sommer. Daraus entstehen jedes Jahr rund 5'000 Tonnen Alpkäse, etwa vier Prozent der gesamten Schweizer Käseproduktion.

Alpsommer 2026: der trockenste seit Jahrzehnten

Die Zahlen sind eindeutig. Von April bis Juni fielen in der Schweiz nur 56 Prozent des üblichen Niederschlags (Normperiode 1991-2020) - zusammen mit 1976 der tiefste Wert seit 1901. An 168 Messstationen, das sind 41 Prozent aller ausgewerteten Stationen, erreichte das Niederschlagsdefizit seit April einen Rekordwert. Der Juli legte nach: 3,2 Grad über der Norm und damit der zweitwärmste Juli seit Messbeginn 1864, dazu verbreitet zu wenig Regen, in einzelnen Regionen weniger als 30 Prozent der üblichen Menge (MeteoSchweiz).

Entsprechend sah es in den Gewässern aus: Zwischen dem 1. Juni und Mitte August meldeten über 40 Prozent der Messstationen neue Niedrigwasserrekorde, knapp 60 Prozent Rekord-Wassertemperaturen. Zürichsee, Walensee und Bodensee sanken unter ihre bisherigen Tiefststände für diese Jahreszeit (BAFU). Was die tiefen Pegel für Flüsse und Badis bedeuten, haben wir Ende Juli angeschaut. MeteoSchweiz stellte die naheliegende Frage im eigenen Blog gleich selbst: War das der Sommer der Zukunft?

Was das oben auf der Alp bedeutet

Eine Kuh frisst nicht nur Gras, sie trinkt auf der Alp bis zu 100 Liter Wasser am Tag. Versiegt die Quelle, ist die Alpsaison zu Ende - unabhängig davon, was der Kalender sagt.

Im Bündner Domleschg blieben die Tiere dieses Jahr 68 statt der üblichen rund 90 Tage auf der Weide, also gut drei Wochen weniger. Alpmeister Alois Abt beschrieb die Weiden gegenüber SRF mit drei Worten: «Sie sind ausgetrocknet, abgefressen, tot.» Und zum Wasser: «Da kommt kein Tropfen Wasser mehr.» Auf der Alp Gummen im Kanton Schwyz mussten die Kühe rund zehn Tage früher hinunter, im Jura holten Bauern die ersten Rinder schon im Juli von der Alp. Ein Heuhändler dort hatte Bestellungen für 130 Lastenzüge - liefern konnte er 13.

Blumen, Glocken - und die Feste, die 2026 ausfielen

Das auffälligste Merkmal des Alpabzugs sind die Kühe selbst: riesige Blumenkränze, kunstvoll gebundene Sträusse zwischen den Hörnern, die grössten und schwersten Treicheln des Hofes. Dieser Schmuck ist keine Show, sondern ein Statement. Nur wenn der Alpsommer ohne grösseres Unglück verlief - kein Tier gestürzt, keines krank geworden -, tragen die Kühe den vollen Schmuck. Ging etwas schief, bleiben die Tiere schmucklos oder tragen höchstens einen kleinen Tannenzweig als stilles Zeichen der Trauer.

2026 hat dieser Brauch eine unerwartete Aktualität bekommen. Die Emmentaler Alpabfahrt vom 18. September wurde am 11. August abgesagt - «zum Wohl der Tiere, aufgrund der anhaltenden Trockenheit, Futter- und Wasserknappheit», wie es in der Mitteilung heisst. Die sennische Alpabfahrt in Rüthi SG vom 22. August traf es ebenso: Die Tiere mussten kurzfristig hinunter, das Fest fiel aus. Ein Emmentaler Älpler brachte es in der Fachpresse auf den Punkt: «So etwas habe ich noch nie erlebt.»

Ein Alpabzug ohne Blumen ist eine ehrliche Sache. Ein Alpabzug, der gar nicht erst stattfindet, ist eine neue.

Wusstest Du? Die grössten Alpglocken, sogenannte Treicheln, können über zehn Kilogramm wiegen. Getragen wird meist nur eine pro Tier - an einem breiten, oft handbestickten Lederriemen, dem Kuhband.

Chästeilet: Wenn der Käse verteilt wird - dieses Jahr weniger davon

Auf vielen Alpen wird die Milch mehrerer Bauern gemeinsam zu Alpkäse verarbeitet: geteilte Weide, geteilte Arbeit, geteilter Ertrag. Am Chästeilet, meist zeitgleich mit dem Alpabzug, wird der über den Sommer gereifte Käse nach einem jahrhundertealten Schlüssel unter den beteiligten Familien aufgeteilt - wer mehr Milch beigesteuert hat, bekommt mehr Laibe. Die Alpgenossenschaft dokumentiert das genau, und der Termin ist bis heute ein fester sozialer Anlass im Bergkalender.

2026 fällt der Stapel kleiner aus. Wenn die Kühe drei Wochen früher im Tal stehen, fehlen drei Wochen Alpmilch - und damit die Laibe, die daraus geworden wären. Der Schweizerische Alpwirtschaftliche Verband rechnet für dieses Jahr mit einer unterdurchschnittlichen Alpkäseproduktion.

Weniger Milch - und was ist mit der Qualität?

Hitzestress bei Milchkühen ist gut dokumentiert: Die Tiere fressen weniger, geben weniger Milch, und Fett- sowie Eiweissgehalt gehen zurück. Die Sortenorganisation Gruyère rechnet für 2026 mit rund zehn Prozent weniger Alp-Gruyère. Betroffen sind auch Gruyère AOP und Tête de Moine AOP; im Jura ist es besonders schwierig, silofreies Trockenfutter aufzutreiben, das dem Pflichtenheft entspricht. Christa Brügger von den Schweizer Milchproduzenten nannte die Lage Mitte August «sehr angespannt», und Olivier Isler, Direktor der Sortenorganisation Gruyère, formulierte es nüchtern: Nur rascher Regen und normale Temperaturen könnten die Situation lösen. Immerhin - die Käselager sind gut gefüllt, die Versorgung bis Jahresende ist gesichert.

Beim Geschmack sieht es besser aus, als man befürchten würde. Auf der Alp Gamplüt bei Wildhaus (1'340 m) entstanden über den Sommer 16 Tonnen Alpkäse, etwas weniger als im Vorjahr. Mitbetreiber Thomas Götte sagte Ende Juli dem «St. Galler Tagblatt»: «Im Moment haben wir aber eine sehr gute Qualität.» Laufende Laborkontrollen gehören ohnehin dazu - und dass Alpkäse nicht jedes Jahr exakt gleich schmeckt, ist Teil des Produkts: Er bildet ab, was auf der Weide gewachsen ist. Kurz gesagt: Die Menge leidet 2026 deutlich, die Qualität hält bislang mit.

Und der Winter? Was sich jetzt schon sagen lässt

Seriöse Saisonprognosen für den Alpenraum gibt es nicht - wer Dir heute erzählt, wie der Winter 2026/27 wird, rät. Ein sich verstärkendes El-Niño-Ereignis ist zwar messbar, seine Auswirkung auf das Wetter in den Alpen bleibt aber unsicher. Sehr wohl sagen lässt sich dagegen, mit welchen Ausgangsbedingungen die Bergbetriebe in den Winter gehen.

Das Futter ist knapp. Laut einer Umfrage des «Schweizer Bauer» hat nur rund ein Viertel der Betriebe genügend Heu für den Winter. Die Preise ziehen entsprechend an: Bodenheu kostete im letzten Winter noch weniger als 25 Franken pro 100 Kilo, aktuell sind es gegen 35 Franken, für belüftetes Schweizer Heu in Grossballen werden 45 bis 47 Franken verlangt. Der Bund hat reagiert und die Grenzabgaben für Heu und Grassilage per 1. August 2026 aufgehoben; Futtermais kann vom 15. August bis 31. Oktober 2026 zum Nullsatz eingeführt werden.

Die Bestände sinken. In den Kalenderwochen 23 bis 30 wurden laut Proviande rund 23'900 Kühe geschlachtet - im Vorjahreszeitraum waren es 18'740. Das sind rund 27 Prozent mehr. Peter Bosshard, Geschäftsleiter des Schweizerischen Viehhändler-Verbands, sagte dazu gegenüber SRF: «In dieser Ausprägung ist das ein neues Phänomen.» Wer jetzt Kühe abgibt, um über den Winter zu kommen, hat sie im nächsten Frühling nicht mehr auf der Alp.

Der Wasserhaushalt braucht Zeit. Seen, Flüsse und Grundwasser erholen sich nicht über ein Gewitter, sondern über ergiebige Herbst- und Winterniederschläge. Bleiben die aus, startet die Alpsaison 2027 mit halbleeren Reservoirs statt mit vollen.

Und wenn es noch schlimmer wird?

Genau das ist die unangenehme Antwort der Klimaforschung. Die im November 2025 veröffentlichten Schweizer Klimaszenarien CH2025 - erarbeitet von MeteoSchweiz zusammen mit der ETH Zürich - kommen zum Schluss: Sommertrockenheit wird häufiger und intensiver. In einer Welt mit drei Grad Erwärmung tritt eine Trockenheit, die heute etwa alle zehn Jahre vorkommt, rund alle drei Jahre auf - und fällt dabei etwa 44 Prozent intensiver aus.

Was das für die Futterbasis heisst, hat Agroscope zusammen mit dem Schweizer Bauernverband für die Jahre 1990 bis 2021 durchgerechnet: Extreme Trockenheit kostet die Schweiz 30 bis 40 Prozent des Grünlandertrags, im ungünstigen Fall bis zu 1,2 Millionen Tonnen Trockensubstanz - bei einer Gesamtproduktion von rund 5,5 Millionen Tonnen.

Es gibt Gegenmittel, und sie sind unspektakulär: Wasserleitungen, Reservoirs, Regenwasserfassungen. Othmar Schelbert, Präsident des Alpwirtschaftlichen Vereins Schwyz, bringt es auf die einfache Formel, dass jetzt durchkommt, wer in die Wasserversorgung investiert hat - und Probleme bekommt, wer es nicht getan hat. Dazu kommen angepasste Bestossung, frühere Planung und die Bereitschaft, eine Saison auch einmal vorzeitig zu beenden. Genau das ist 2026 vielerorts passiert. Es war keine Kapitulation, sondern Tierwohl.

Exkurs: Der Ranz des Vaches - das Lied, das die Kühe ruft

Im Kanton Freiburg gehört zum Alpabzug seit Generationen ein ganz besonderer Gesang: der «Ranz des Vaches». Dieses melancholisch-schöne Lied wurde früher von den Sennen angestimmt, um die Kühe zu rufen und zusammenzutreiben - ganz ohne Hund oder Zaun, allein durch die vertraute Melodie. Heute erklingt der Ranz des Vaches vor allem bei grossen Alpabzügen und Trachtenfesten und gilt als heimliche Hymne der Freiburger Alpwirtschaft. Wer ihn einmal live gehört hat, versteht sofort, warum ganze Bergtäler dazu verstummen.

Was Du tun kannst - und warum Alpkäse dieses Jahr zählt

Zwei Dinge, ganz konkret. Erstens: Wenn Du einen Alpabzug besuchen möchtest, prüfe kurz vorher, ob er überhaupt stattfindet. 2026 wurden Termine kurzfristig vorverlegt oder gestrichen - die Tiere richten sich nicht nach dem Festprogramm. Zweitens: Alpkäse kaufen, direkt auf der Alp oder im Dorfladen. Die Wertschöpfung im Sömmerungsgebiet entsteht nicht durch Beiträge allein, sondern dadurch, dass der Käse am Ende auch gegessen wird. In einem Jahr, in dem die Menge ohnehin kleiner ausfällt, zählt jedes Stück doppelt.

Und wer wissen will, was in so einem Laib eigentlich passiert: Käsen lässt sich im Kleinen erstaunlich gut nachmachen. Wie Dicklegen, Bruch und Reifung funktionieren, erklären wir Schritt für Schritt im Ratgeber Käse selber machen - und wer es gleich ausprobieren will, findet im ultimativen Käse-Selbermachen-Set alles, was es für den ersten eigenen Frischkäse braucht. Alpkäse wird daraus nicht, klar. Aber es ist ein sehr direkter Weg zu verstehen, warum drei Wochen weniger Alpmilch am Schluss Laibe kosten.

Wie hast Du diesen Sommer erlebt?

Ob mit Blumenschmuck oder ganz still - der Alpabzug zeigt, wie eng Landwirtschaft, Wetter und Tradition in der Schweiz zusammenhängen. Dieses Jahr besonders deutlich. Hast Du 2026 einen Alpabzug gesehen, oder ist Deiner ausgefallen? Und was gehört für Dich zu einem gelungenen Herbstanfang? Schreib es uns - wir lesen mit.

Quellen: MeteoSchweiz (Klimabulletins und Blog, Juli/August 2026), BAFU (Trockenheit und Wassertemperaturen, August 2026), Schweizer Klimaszenarien CH2025, Agroscope/Schweizer Bauernverband (Grünlandstudie), Proviande, BLW, SRF, «Schweizer Bauer», BauernZeitung, «St. Galler Tagblatt», Gemeinde Sumiswald. Stand: 24. August 2026.