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25.08.26

Leuchtendes Einhorn-Nachtlicht steht allein auf einem leeren Lagerregal neben einem Karton — Titelbild zum Trend-Rückblick Einhorn 2015 bis 2018

Einhorn: Wie ein Fabeltier zum meistverkauften Trend unseres Lagers wurde — und warum sein Peak vier Monate vor Starbucks lag

Das erste Einhorn, das wir je verkauft haben, war ein Hut für Katzen. 23. November 2012, zwei Stück, ein aufblasbares Horn von Archie McPhee, das man einer sichtlich unwilligen Hauskatze über den Kopf zieht. Vier Jahre später war das Einhorn das meistverkaufte Motiv unseres Sortiments — 2016 war jede achte Einheit, die unser Lager verliess, ein Einhorn. Für diesen Beitrag haben wir vierzehn Jahre eigener Rechnungsdaten ausgewertet: gut 30'000 Einhörner, ein Umsatz im hohen sechsstelligen Bereich, rund 170 verschiedene Artikel, über 20'000 Kundinnen und Kunden. Kein Trend dieser Serie kommt auch nur in die Nähe.

Wann es losging: die Vorgeschichte

Das Einhorn musste nicht erfunden werden, es musste nur wieder eingeschaltet werden. Die Grundlagen lagen bereit: «My Little Pony: Friendship is Magic» lief seit dem 10. Oktober 2010 und hatte mit den «Bronies» ein erwachsenes Publikum gefunden, das es nie geben sollte. Die Lisa-Frank-Pastellwelt der Neunziger war als Nostalgie zurück. Und im Silicon Valley hatte die Investorin Aileen Lee dem Wort am 2. November 2013 eine zweite Bedeutung gegeben: In ihrem TechCrunch-Text «Welcome To The Unicorn Club» nannte sie Startups mit einer Bewertung über einer Milliarde «Unicorns» — damals ganze 39 Stück. Das Fabeltier stand ab da gleichzeitig für Kinderzimmer und für Kapitalmarkt.

Dann kamen drei Auslöser kurz hintereinander. Im Januar 2015 brachte Lush den «Unicorn Horn» Bubble Bar in die Valentins-Kollektion, ein pastellfarbenes Horn für die Badewanne. Am 17. Juni 2015 veröffentlichte das Unicode-Konsortium Unicode 8.0 — mit dem Einhorn-Emoji U+1F984, das mit iOS 9.1 im Oktober 2015 auf die iPhones kam. Und im Juni 2016 postete die Foodstylistin Adeline Waugh auf Instagram pastellfarben bestrichenes Toastbrot, das ihre Follower «Unicorn Toast» tauften. Ab da war das Einhorn keine Figur mehr, sondern eine Farbpalette: Alles, was pastellig schillerte, durfte sich so nennen.

Wie es bei uns ankam: der August 2015

In unseren Zahlen hat der Hype ein exaktes Startdatum, und es ist ein anderes als das der Popkultur. Juli 2015: ein paar Dutzend verkaufte Einhorn-Artikel. August 2015: das Dreizehnfache. Das ist keine Bewegung im Markt, das ist ein einzelnes Produkt — über fünfundneunzig Prozent davon waren ein kleines pastellfarbenes Nachtlicht der britischen Geschenkmarke SMOKO, das wir am 3. Juni 2015 erstmals verkauft hatten. Bis zu seinem letzten Verkauf am 8. Juni 2022 gingen über fünftausend Stück davon über den Ladentisch. Es ist bis heute der meistverkaufte Einhorn-Artikel, den wir je hatten.

Das Jahr 2015 war also noch kein Trend, sondern ein Treffer. Der Trend begann im Frühling 2016, als die Zahl der Einhorn-Artikel im Sortiment von 10 auf 24 stieg und die Verkäufe sich vom Nachtlicht lösten: Pantoffeln, Schwimminsel, Onesie, Gin-Likör, Wärmekissen. Die Pantoffeln allein — ebenfalls SMOKO, CHF 49.95 — gingen 2016 über dreitausendmal weg.

Der Peak lag im Dezember 2016, nicht im April 2017

Hier wird die Rekonstruktion interessant, weil unsere Daten der internationalen Erzählung widersprechen. In der gängigen Version gipfelt der Einhorn-Hype im Starbucks Unicorn Frappuccino, der vom 19. bis 23. April 2017 fünf Tage lang verkauft wurde und rund 155'000 Instagram-Posts auslöste. In unserem Lager war zu diesem Zeitpunkt bereits Ebbe: Der April 2017 brachte nicht einmal halb so viele Einheiten wie der April 2016.

Unser Höhepunkt liegt vier Monate früher, und sein Auslöser hat einen deutschen Namen. Am 1. November 2016 brachte Ritter Sport eine limitierte Einhorn-Schokolade heraus; sie war in weniger als 20 Stunden ausverkauft, auf eBay wurde sie zum Zehnfachen gehandelt, und der Hersteller kündigte am 7. November eine Nachproduktion von 150'000 Tafeln an — bei einer Anlagenkapazität von rund 2'000 Tafeln pro Stunde. Genau in diesen Wochen explodierte unser Absatz: Der Dezember 2016 wurde zum stärksten Monat, den ein Trend in unserer Geschichte je hatte. Der deutschsprachige Raum hatte seinen Einhorn-Moment im Weihnachtsgeschäft 2016, und er fand nicht im Kaffeebecher statt, sondern unter dem Christbaum.

Warum es uns alle erwischte

Die Erklärungen, die 2017 in der Presse zirkulierten, halten der Nachprüfung erstaunlich gut stand. Der Trendforscher Daniel Levine beschrieb gegenüber Refinery29 drei Zutaten, die zusammenkommen mussten: ein kulturell vorbereitetes Motiv, prominente Verstärkung und visuelle Tauglichkeit für soziale Netzwerke — und ordnete das Einhorn nüchtern als «das Pumpkin Spice dieses Jahres» ein. Die Medienwissenschaftlerin Hannah Dick verwies im selben Text auf die Plattformlogik: Instagram und Snapchat belohnen Farbe. Und die Markenstrategin Jess Weiner las das Einhorn als Selbstbeschreibung — selten, stark, erfunden.

Dazu kam das Timing. 2016 war politisch ein Jahr der schlechten Nachrichten, und ein Motiv, das nichts bedeutet ausser Freundlichkeit, hatte Konjunktur. Pinterest verzeichnete zwischen August 2016 und Juli 2017 rund 400 Prozent mehr Suchanfragen nach «Unicorn Food» und über 460 Prozent mehr nach «Unicorn Makeup».

Wie die Industrie reagierte — und wie wir

Ab 2017 gab es nichts mehr, was es nicht mit Einhorn gab: Too Faced verkaufte «Unicorn Tears»-Lippenstift, Firebox einen glitzernden Gin-Likör gleichen Namens, Moschino zeigte an der Mailänder Modewoche eine My-Little-Pony-Kapsel, Paris Hilton lancierte ein «Unicorn Mist». Unser Sortiment folgte dieser Logik mit exakt der Verzögerung, die den Handel so teuer zu stehen kommt.

JahrAnteil an allen verkauften EinheitenArtikel im Sortiment
20140.3 %8
20155.9 %12
201613.2 %48
201713.1 %115
20186.0 %147
20193.5 %131
20202.4 %111
20212.0 %79
20221.1 %59
20230.4 %39
20240.2 %25
20250.2 %26
2026 (bis August)0.1 %10

Die entscheidende Zeile ist 2018. Der Absatz war gegenüber dem Vorjahr auf ein Drittel gefallen — und trotzdem hatten wir in diesem Jahr mit 147 Artikeln so viele Einhörner im Sortiment wie nie zuvor oder danach. Das ist der Einkaufs-Nachlauf in Reinform: Bestellt wird, was letztes Jahr lief, geliefert wird ein Jahr später, verkauft wird es nie. Wer wissen will, warum Trendware im Lager stirbt, muss nicht die Kundschaft fragen, sondern den Bestellrhythmus.

Letzte Chance: die letzten Einhörner aus der Hype-Ära

Was blieb, was ging

Ab 2018 kippte der Markt: übersättigt, überall kopiert, und die Aufmerksamkeit wanderte weiter zur Meerjungfrau, danach zum Lama. Auch das lässt sich bei uns nachrechnen — das Lama kam in seinem besten Jahr 2020 auf keinen Zehntel des Einhorn-Jahres 2016. Flamingo, Faultier, Dackel, Axolotl und Capybara liegen allesamt noch darunter. Seit dem Einhorn hat kein Trend in unserem Sortiment mehr diese Wucht erreicht — vermutlich, weil sich Aufmerksamkeit seither auf mehr, kleinere Wellen verteilt.

Was im Lager übrig blieb, ist ein präzises Abbild dieser Kurve: 179 Einhorn-Artikel führen wir heute noch, 145 davon stehen auf Bestand null. Lieferbar sind noch 34.

Wie der Trend heute lebt

Und dann passierte im August 2026 etwas, das die Geschichte um eine Pointe erweitert: Starbucks holte den Unicorn Frappuccino für zwei Tage zurück, am 15. und 16. August. Verkauft wurden über zwei Millionen Getränke, der Samstag war laut Konzernchef Brian Niccol der umsatzstärkste Samstag der Firmengeschichte, die Besucherfrequenz lag laut dem Analysedienst Placer.ai 44 Prozent über dem Tagesdurchschnitt. Neun Jahre nach dem Original war die Nostalgie grösser als der Hype es je war.

Bei uns ist davon wenig angekommen — ein paar Dutzend Einheiten im ganzen Jahr 2026. Aber das Motiv ist nicht tot, es ist nur erwachsen geworden und ins Kinderzimmer zurückgezogen: Die beiden Radiergummi-Sets in der Liste unten haben wir im Herbst 2025 neu eingekauft, ganz ohne Trendargument. Und der wahre Überlebende ist eine Keramikschüssel. Die Einhorn-Ramen-Schüssel kam am 31. Juli 2017 mitten im Hype ins Sortiment, verkaufte sich seither gut dreihundertmal, zuletzt Mitte August 2026 — und liegt immer noch dreistellig im Lager. Bei diesem Tempo sind wir in dreissig Jahren fertig. Die Einhorn-Feuchttücher, erstmals verkauft im Mai 2016, gingen zuletzt gestern über den Tisch.

Was bleibt: das Einhorn nach dem Hype


Quellen

  • Eigene Auswertung unserer gesamten Rechnungshistorie von Oktober 2008 bis August 2026; ausgewertet wurden alle Positionen mit «Einhorn» oder «Unicorn» in der Artikelbezeichnung. Wir weisen Anteile und Verhältnisse aus, keine absoluten Umsatzzahlen.
  • Aileen Lee, «Welcome To The Unicorn Club», TechCrunch, 2. November 2013: TechCrunch
  • Unicode 8.0 mit Einhorn-Emoji U+1F984, 17. Juni 2015: Unicode-Blog · Emojipedia
  • Adeline Waugh und der «Unicorn Toast», Juni 2016; Pinterest-Suchdaten 2016/17: Wikipedia, «Unicorn trend»
  • Ritter Sport Einhorn-Schokolade, Nachproduktion 150'000 Tafeln, 7. November 2016: Ritter-Sport-Blog · Horizont
  • Starbucks Unicorn Frappuccino, 19.–23. April 2017: Wikipedia · Marketing Dive
  • Kulturelle Einordnung mit Daniel Levine, Hannah Dick und Jess Weiner: Refinery29, Mai 2017
  • Rückkehr des Unicorn Frappuccino, 15./16. August 2026, über 2 Mio. Getränke: Nation's Restaurant News
  • «My Little Pony: Friendship is Magic», Premiere 10. Oktober 2010: Wikipedia

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