26.10.26
Räbeliechtli: Wenn Rüben zu Lichtern werden
Es ist kurz nach fünf, die Strasse liegt schon im Dunkeln, und irgendwo um die Ecke summt ein Kinderchor eine Melodie, die seit Generationen durch dieselben Dörfer wandert. Dann biegt der Umzug um die Ecke: Dutzende, manchmal Tausende kleiner Lichter, jedes in einer ausgehöhlten Rübe versteckt, die fein geritzten Muster leuchten wie Spitzenvorhänge gegen die Novembernacht. Willkommen beim Räbeliechtli — einer der eigenwilligsten und schönsten Herbsttraditionen der Schweiz.
Was genau ist ein Räbeliechtli?
Die Grundzutat ist unspektakulär: die Herbstrübe, auch weisse Rübe genannt, im Volksmund schlicht «Räbe». Sie ist oben violett, unten weiss und wird im Herbst geerntet. Kinder — oft im Kindergarten oder in der Schulklasse — höhlen sie aus, ritzen Sonne, Mond, Sterne oder filigrane Muster in die Schale und stellen ein Teelicht ins Innere. Wenn es dunkel wird, ziehen sie in Umzügen durchs Dorf, singen traditionelle Räbeliechtli-Lieder und tragen ihre selbst geschnitzten Lichter an drei Schnüren wie kleine Laternen vor sich her.
Besonders verbreitet ist der Brauch in den Kantonen Zürich, Thurgau, Bern, Zug und St. Gallen. Der wohl bekannteste Umzug findet in Richterswil am Zürichsee statt — mit mehreren tausend Teilnehmenden einer der grössten Lichterumzüge des Landes, mit einer Tradition, die weit über hundert Jahre zurückreicht. Dort heisst das Fest «Räbechilbi»: Am Samstag, 14. November 2026, startet der Umzug um 18 Uhr, und rund 50'000 Kerzen leuchten in Räben, die Schulen und Vereine aus rund 30 Tonnen Herbstrüben geschnitzt haben.
Mehr als nur eine hübsche Bastelei
Das Schnitzen selbst ist eine kleine handwerkliche Herausforderung: Die Wand muss dünn genug ausgehöhlt werden, damit das Licht hindurchscheint, aber stabil genug bleiben, damit die Rübe nicht zerbricht. In vielen Familien ist das Räbeliechtli-Schnitzen ein fester Termin im November, kurz vor dem Umzug — ein Abend am Küchentisch, mit Zeitungspapier auf dem Boden und kleinen, geübten Händen, die sich an Löffeln und Schnitzwerkzeug versuchen.
Wusstest Du? Das Räbeliechtli hat einen entfernten Verwandten im Halloween-Kürbis: In Irland und Schottland schnitzte man früher Laternen aus Rüben. Erst in Nordamerika, wo Kürbisse viel leichter zu haben waren, wurde daraus der Kürbis, wie wir ihn heute kennen. Ein ähnliches Material, aber zwei ganz verschiedene Bräuche.
Exkurs: Warum ausgerechnet im November Licht gegen die Dunkelheit?
Die genaue Herkunft des Räbeliechtli-Brauchs ist nicht lückenlos dokumentiert, aber vieles deutet auf alte Licht- und Herbstbräuche hin, die den Übergang vom Erntejahr in die dunkle Jahreszeit markierten. In einer Zeit ohne elektrisches Licht war das selbst gemachte Licht in der Novemberdunkelheit ein kleines Fest der Gemeinschaft — und ein Ritual, das Kindern half, die zunehmende Dunkelheit nicht als bedrohlich, sondern als etwas Gestaltbares zu erleben. Die Umzüge mit Liedern und Laternen haben sich in vielen Gemeinden bis heute kaum verändert, was ihnen einen fast zeitlosen Charakter gibt.
Selber schnitzen: ein paar praktische Tipps
Für den Umzug selbst lohnt sich eine kleine Stirnlampe für die Begleitperson — die Hände bleiben frei, während die Kinder ihre Räbe tragen, und man sieht Pfützen und Randsteine auch dann, wenn alle Taschenlampen der Kinder auf die geschnitzten Lichter gerichtet sind. Für das Teelicht im Inneren der Rübe eignen sich stabile Teelichthalter aus Glas gut, weil sie das Kerzenwachs auffangen und sich nach dem Umzug einfach wiederverwenden lassen — fürs nächste Jahr, oder einfach für gemütliche Abende danach.
Ein Licht, das bleibt
Ob in Richterswil oder im eigenen Quartier: Das Räbeliechtli erinnert daran, dass die dunkelste Jahreszeit nicht zwingend trist sein muss, sondern auch ein Anlass für Gemeinschaft und ein bisschen selbst gemachte Magie sein kann. Hast Du als Kind auch schon eine Räbe geschnitzt — oder steht die erste eigene Laterne bei Dir dieses Jahr erst an? Schau doch in unserem Sortiment vorbei, vielleicht findest Du die passende Begleitung für den dunklen Novemberabend.