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21.09.26

Apfelernte in einem Schweizer Hochstamm-Obstgarten im Herbst

Apfelernte in der Schweiz: Der Duft des Herbstes

Der Kalender sagt es diese Woche ganz offiziell: Am 23. September beginnt astronomisch der Herbst. Wer aber dieser Tage durchs Mittelland oder den Thurgau fährt, hat es längst gerochen, bevor irgendein Kalenderblatt es verkündet hat – zwischen den Obstbäumen entlang der Landstrassen hängt seit Tagen dieser unverkennbare Duft: süsslich, leicht erdig, nach frisch gepresstem Apfelsaft. Die Apfelernte ist in vollem Gang, und mit ihr eines der ältesten Herbstrituale der Schweiz.

Warum ausgerechnet der Thurgau?

Kaum ein Kanton ist so eng mit dem Apfel verbunden wie der Thurgau. Im Volksmund heisst er seit Generationen liebevoll «Mostindien» – eine Anspielung auf die schier endlose Zahl an Obstbäumen, die sich früher über die sanften Hügel zwischen Bodensee und Napf zogen. Auch heute noch stammt ein grosser Teil der Schweizer Tafel- und Mostäpfel aus dieser Region, und wer im September durch die Dörfer fährt, sieht die Beweise: prall gefüllte Harassen vor Bauernhöfen, Leitern an den Ästen, und irgendwo brummt garantiert gerade eine mobile Mostpresse.

Hochstamm statt Spalier: Bäume mit Charakter

Im Gegensatz zu den niedrigen Spalierbäumen der grossen Plantagen wachsen viele Schweizer Apfelbäume noch als sogenannte Hochstämme – hohe, weit ausladende Bäume, wie man sie von Postkarten-Landschaften kennt. Sie brauchen Jahrzehnte, bis sie ihre volle Grösse erreichen, können dafür aber weit über hundert Jahre alt werden und in einem guten Jahr mehrere hundert Kilo Früchte tragen. Weil solche Streuobstwiesen unzähligen Vogel- und Insektenarten ein Zuhause bieten, werden sie in der Schweiz gezielt mit Direktzahlungen gefördert – ein einzelner Baum ist hier also nicht nur Obstlieferant, sondern aktiver Naturschutz.

Wusstest Du? Pro Specie Rara, die Schweizer Stiftung für alte Kulturpflanzen, führt weit über 500 traditionelle Apfelsorten in ihren Erhaltungsgärten – vom winzigen «Chüsjiapfel» bis zum kräftig-roten Berner Rosenapfel. Im Laden landen davon meist nur eine Handvoll: Gala, Braeburn, Golden Delicious oder Boskoop.

Vom Baum ins Glas: Die Tradition der Mosttage

Wer in ländlichen Gegenden aufgewachsen ist, kennt sie vielleicht noch aus eigener Erfahrung: die herbstlichen Mosttage, an denen Nachbarn ihre gesammelten Äpfel zur gemeinsamen Presse bringen. Aus dem frischen Saft wird entweder süsser «Süessmost» für den sofortigen Genuss oder, nach einigen Wochen Gärung, der herbere «Süürmost». Diese Tradition ist mehr als Nostalgie: Sie sorgt dafür, dass auch krumme, kleine oder optisch «unperfekte» Früchte nicht verschwendet werden – ein Gedanke, der heute unter dem Stichwort Food Waste wieder hochaktuell ist. Manche Gemeinden stellen ihre Presse bis heute für ein paar Wochenenden im Jahr allen zur Verfügung, die einen Baum im Garten haben und keine Lust auf hundert Kilo ungenutzte Äpfel.

Apfelwähe zur Tag-und-Nachtgleiche

Eine weniger bekannte Tradition, die vor allem im Kanton Bern gepflegt wird, verbindet den Herbstbeginn direkt mit dem Backofen: Zur Tag-und-Nachtgleiche soll auf manchen Höfen früher eine Apfelwähe gebacken worden sein – als kleines Fest dafür, dass die Ernte eingebracht ist, bevor die Tage merklich kürzer werden. Ob Legende oder gelebte Praxis, der Gedanke dahinter passt: Der erste kühle Herbstabend schreit förmlich nach warmem Gebäck, Zimt und dem Duft von gekochten Äpfeln in der Küche.

Ein Griff, der sich lohnt: Äpfel richtig lagern

Wer jetzt auf dem Markt oder direkt ab Hof einkauft, kann mit ein paar einfachen Handgriffen viel länger etwas davon haben. Äpfel mögen es kühl, dunkel und nicht zu trocken – ein unbeheizter Keller oder die Garage sind oft besser geeignet als der Kühlschrank. Wichtig ist auch, angeschlagene Früchte separat zu lagern: Ein einziger fauler Apfel gibt genug Reifegas ab, um die ganze Kiste schneller altern zu lassen, frei nach dem alten Sprichwort vom «einen faulen Apfel, der den ganzen Korb verdirbt». Wer die Sorten trennt, profitiert zusätzlich: Frühsorten wie Gravensteiner sind meist schon nach wenigen Wochen durch, während spätere Sorten wie Boskoop locker bis ins neue Jahr durchhalten.

Exkurs: Das stille Verschwinden der Streuobstwiesen

Vor rund hundert Jahren prägten Hochstamm-Obstgärten weite Teile des Schweizer Mittellands – Schätzungen gehen von einst mehreren Millionen solcher Bäume aus. Mit dem Aufkommen intensiver Plantagen ist diese Zahl seither markant zurückgegangen. Umso wichtiger sind heute Projekte, die alte Bäume kartieren, pflegen und neu pflanzen: Jeder erhaltene Hochstamm ist ein kleines Biotop, das Fledermäusen, Wildbienen und seltenen Vogelarten wie dem Gartenrotschwanz Unterschlupf bietet.

Zeit für die eigene Herbstpause?

Ob Spaziergang durch eine duftende Streuobstwiese, ein Glas frischer Süessmost oder einfach nur ein Apfel aus der Region zum Znüni – der Herbst lädt gerade jetzt dazu ein, einen Gang runterzuschalten. Für einen spontanen Streifzug durch die Obstwiese lohnt sich eine warme Thermosflasche mit Tee im Rucksack, und wer den Nachmittag lieber gemütlich unter einem Baum verbringt, breitet einfach eine Picknickdecke aus und lässt den Duft der reifen Früchte auf sich wirken. Was gehört für Dich zu einem gelungenen Herbstauftakt: der erste selbst gepresste Most, ein Streifzug durch die Obstwiese oder eher eine gemütliche Stunde drinnen mit warmem Apfelduft in der Küche? Schau doch mal in unserem Sortiment vorbei – vielleicht findest Du die passende Inspiration für die nächsten Wochen.